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Die Niedermühle bei Hinterhermsdorf

Karl Möckel, Manfred Schober


Zur Geschichte eines technischen Denkmals in der Sächsischen Schweiz


Die Bäche der Sächsischen Schweiz haben einst zahlreiche Wasserräder von Mahl- und Brettmühlen angetrieben. Deren Geschichte lässt sich oft über einige Jahrhunderte zurückverfolgen. Die ersten Mühlen entstanden vermutlich schon bald nach der Besiedlung der Landschaft durch deutsche Bauern im 12. und 13. Jahrhundert. Zuweilen blieben diese Anwesen mehrere Generationen im Besitz einer Familie. Viele Müller waren wohlhabende Leute. Ihr Ruf allerdings war nicht immer der beste. Da die Mahlmüller den Mahllohn früher in natura erhielten, indem sie einen Teil des Mahlgutes, die sogenannte Metze, für sich behalten durften und dieses Maß oft überschritten, warf man ihnen Unehrlichkeit vor.

Im Mittelalter gehörten die Müller deshalb zu den «unehrlichen Berufen». Obwohl sie später von diesem Makel befreit wurden, mussten sie im Amt Hohnstein noch am Ende des 18. Jahrhunderts bei Hinrichtungen Arbeiten ausführen, die offenbar niemand freiwillig auszuführen bereit war. Sie hatten zusammen mit Schmieden, Zimmerleuten, Maurern und Wagnern aus den Städten und Dörfern des Amtes vor der Hinrichtung die Prangersäule auf dem Hohnsteiner Marktlatz aufzustellen und auf dem nahen Galgenberg die Richtstätte herzurichten. Bei diesen Tätigkeiten führte jede Berufsgruppe stets nur einen Teil der notwendigen Arbeiten aus.

 Von einigen Müllern ging auch die Sage, dass sie mit dem «Bösen» oder dem so genannten «Puttel» im Bunde stünden, es deshalb in ihren Mühlen spuke und vieles nicht «mit den rechten Dingen» zugehe. Noch in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erzählte in der Niedermühle bei Hinterhermsdorf die Großmutter ihrer Enkelin, dass es in der Mühle ein Mühlenmännchen gebe, das einen Schatz bewache. Sie wollte das Männchen auch gesehen haben.

 Der Bau der Mühlen bedurfte der Zustimmung des Landesherrn, der bei eingehenden Gesuchen die Notwendigkeit einer neuen Mühle durch seine Beamten prüfen ließ. Ferner wurde geprüft, ob durch die Mühle dem landesherrlichen Besitz oder, wenn dieselbe im Walde gelegen war, dem Jagdrevier Schaden entstehen könne. Ungeachtet dessen waren die Mühlen aber manchmal bereits erbaut und in Betrieb genommen, ehe die Genehmigung zu ihrer Errichtung einging.

  Ein Mühlenverzeichnis vorn Jahre 1845 führt im Gebiet der Amtshauptmannschaft Pirna, deren Grenzen etwa denen des heutigen Landkreises Sächsische Schweiz entsprachen, 271 Mühlen auf. Wenige Jahrzehnte später setzte das große «Mühlensterben» ein, da die mit veralteter Technik arbeitenden, mitunter kleinen, abgelegenen Mühlen nicht mehr der Leistungsfähigkeit der industriell arbeitenden großen Kunst- und Handelsmühlen und der Sägewerke gewachsen waren. Dieser Entwicklung versuchten  sich die Müller der Sächsischen Schweiz entgegenzustellen, indem sie ihre Mühlen modernisierten oder andere Produktionen aufnahmen. Dazu gehörte die Herstellung von Holzschliff, Papier, Pappen und von Erzeugnissen aus Holz. Viele Mühlen wurden zu Gastwirtschaften umgestaltet, die sich wegen ihrer Lage in landschaftlich reizvollen Gebieten großer Beliebtheit erfreuten und noch heute erfreuen.

Von den zahlreichen Mühlen an der Kirnitzsch wollen wir nachfolgend die Geschichte der Niedermühle bei Hinterhermsdorf (heute Ortsteil von Sebnitz) erzählen. Diese Mühle liest eine gute halbe Wegstunde vom Ort entfernt unterhalb des Mühlhübels an der Kirnitzsch, die hier die Grenze zwischen Deutschland und der Tschechischen Republik bildet. Zu ihr und anderen einst unterhalb von Hinterhermsdorf gelegenen Mühlen führt von jeher durch das so genannte Neudorf der Mühlweg (später Daubitzer Straße, heute Neudorfstraße). Die Niedermühle war die letzte Mühle im oberen Kirnitzschtal, die ihren Betrieb einstellte. Sie genießt heute als Kulturdenkmal besonderen Schutz, denn ihr äußeres Bild hat sich in den vergangenen eineinhalb Jahrhunderten nicht wesentlich verändert. Die urkundlich überlieferte Geschichte der Mühle reicht mehrere Jahrhunderte zurück.

Die Besitzer der Niedermühle

Der schon im 16. Jahrhundert gebräuchliche Flurname «Mühlhübel» verdankt seine Entstehung offenbar der in seiner Nähe gelegenen Niedermühle. Sie wird im Hohnsteiner Amtserbbuch von 1547 erstmals urkundlich erwähnt. Damals zinste Georg Holfeldt von Hinterhermsdorf Anderthalbe rotten von der Bretmullen vndern muhlhubell. Man kann aber davon ausgehen, dass diese Mühle bereits geraume Zeit früher bestanden hat. Um 1575 wurde Förster und Lehnrichter zu Hinterhermsdorf, Hans Holfeld, zu verschiedenen gegen Ihn erhobenen Vorwürfen von dem Oberforstmeister und dem Amtsschösser zu Hohnstein vernommen. Sie befragten ihn, ob er und sein Schwager eine Brettmühle in Hinterhermsdorf besitzen und wo sich diese befinde. Diese Brettmühle, antwortete Holfeldt, liege unter dem Mühlhubel und sei «12 teil Der Achtel geteilt». An der Mühle hatten demnach mehrere Leute Besitzanteile. Außer Holfeldt und seinem Schwager, die je einen von den 12 Besitzanteilen ihr Eigen nannten, führte das Vernehmungsprotokoll für die restlichen 10 Anteile noch weitere fünf Besitzernamen auf. Auf der von Oeder im Jahre 1592 gezeichneten Karte des Hinterhermsdorfer Gebietes ist an der Stelle, an der heute die Niedermühle steht, der Vermerk «Brettmühle der Hermansdorfer Bauern» zu finden.

Die Mühle wurde «Niedermühle», «niedere Mühle» , «Mühle an der Kirnitzsch unterm Mühlhubel» und im 17. Jahrhundert zeitweise auch «Förstermühle» genannt. Später wurde der Name des Besitzers in die Mühlenbezeichnung einbezogen, so beispielsweise «Peschkemühle». Die böhmischen Nachbarn bezeichneten sie vor dem Krieg oft auch als «Sächsische Mühle».

Die Niedermühle war zunächst nur Brettmühle und befand sich bis in das 17. Jahrhundert hinein jeweils im Besitz mehrerer Eigentümer..

Um den Einbau eines Mahlganges bemühte sich im Jahre 1583 der bereits oben genannte Lehnrichter und Förster Hans Holfeldt. Er hat in einem Gesuch an den sächsischen Kurfürsten um die Genehmigung, an einer alten Mühle unterm Mühlhuebel au der Kvernitzbach eine Mühle mit einem Gange erbauen zu dürfen. Daraufhin beauftragte der Kurfürst den Rentmeister, beim Hohnsteiner Amtsschössen Erkundungen wegen etwa gegen den Einbau des Mahlganges bestehender Bedenken einzuholen. Solche Bedenken bestanden bei den Müllern und Bäckern in Sebnitz. Sie brachten unter anderem vor, dass Holfeldt angefangen habe, in Hinterhermsdorf eine neue Mahlmühle zu bauen. Und zwar an einer Stelle, wo früher noch keine gestanden habe. Diesen Bau hätte er zwar auf Befehl des Amtes Hohnstein einstellen müssen, stattdessen sei aber von ihm auf «Warthenberg gründen», das heißt auf böhmischem Grund und Boden, eine Mahlmühle erbaut worden. Dabei handelt es sich offenbar um die spätere Mittelmühle beziehungsweise Böhmische Mühle am Einfluss des Heidelbaches in die Kirnitzsch. Man kann also annehmen, dass der von Holfeldt im Jahre 1583 beantragte Einbau einer Mahlmühle in die Niedermühle nicht genehmig wurde und dieser deshalb wenige Jahre später sein Bauvorhaben auf dem angrenzenden böhmischen Gebiet verwirklichte. Übrigens lag diese von ihm errichtete spätere Böhmische Mühle nur wenige hundert Meter von der Niedermühle entfernt.

Im Mai 1617 suchte der Förster und Lehnrichter Heberlein (auch Häberlein) aus Hinterhermsdorf als einer der Mitbesitzer der Brettmühle an der Kirnitzsch nochmals um den Bau einer Mahlmühle nach. Sein Gesuch wurde vom Amt Hohnstein ausführlich befürwortet. Obwohl in derb vorhandenen Akten die Genehmigungsurkunde nicht enthalten ist, wurde sie offenbar ausgestellt, denn als nach Hebeneins Tod ( 1646) sein Mühlenbesitz zusammen mit dem Erblehngericht an seinen Schwiegersohn, den Förster Matther Puttrich in Hinterhernisdorf, gelangte, wird gelangte, neben dem Brettmühlenanteil auch die Mahlmühle ausdrücklich erwähnt. Spätestens ab 1677 befanden sich die Mahlmühle Lind die Brettmühle der Niedermühle in einer Hand. Von 1646-1838 wurde die Mühle stets in der Familie Puttrich vererbt. Allerdings wohnten und wirtschafteten die Besitzer nicht immer in dem Anwesen, sondern verpachteten es.

Der im Jahre 1838 verstorbene Johann Gottlob Puttrich ( 1769-1838) brachte es zu einer gewissen Wohlhabenheit. Er soll außer der Niedermühle auch zeitweise die Böhmische Mühle besessen haben, die später in den Besitz seiner Tochter beziehungsweise seiner Enkelin gelangte. Puttrich stiftete der Kirche zu Hinterhermsdorf, in die er sich wegen eines schweren rheumatischen Leidens in seinen letzten Lebensjahren Jahren zu den Gottesdiensten in einer Sänfte tragen lassen musste, einen schönen Kronleuchter aus Kristall. Er schmückt noch heute das Kirchenschiff. Auf dem Friedhof ließ er 1835 aus Sandstein eine Familiengruft erbauen. In ihr wurden er, seine Frau und einige seiner Nachkommen beigesetzt. Im Besitz des Sebnitzer Heimatmuseums hat sich unter anderem ein aus seinem Nachlass stammendes kunstvoll geschliffenes Likörservice aus Kristall erhalten. Die Karaffe zeigt auf der Vorderseite sein Monogramm und das Müllerwappen.

Die Niedermühle erbte nach Johann Gottlob Puttrichs Tode dessen Enkeltochter Amalie Wilhelmine Dreßler geb. Hempel (1819-1891). Sie war mit dem Häusler und Fleischhauer Carl Gottlieb Dreßler verheiratet. Ihr Mann wird in den amtlichen Schriftstücken als Mitbesitzer der Mühle bezeichnet. Das Ehepaar ließ die Mühle stets von Pächtern bewirtschaften. In der Besitzzeit des Ehepaares Dreßler wurden im Jahre 1847 die auf dem Mühlengrundstück seit dem 16. Jahrhundert ruhenden Waldgerechtsame für 1644 Taler 17 Groschen und 5 Pfennige abgelöst. 1843 war die Ablösungssumme nur mit 977 Tälern und 9 Pfennigen berechnet worden.

Von Amalie Wilhelmine Dreßler behaupteten die Dorfleute, dass sie das «Puttet» gehabt habe. Ein Forstgehilfe wollte einmal bei einem Gang durch das Dorf sie um Mitternacht durch das Kellerfenster beobachtet haben, wie sie einem Hunde (der das Puttet sein sollte) ein Schälchen Milch hingehalten habe. Die Frau war sehr streitlustig und führte oft Prozesse. Sie soll auch mit ihrer Schwester in der benachbarten Böhmischen Mühle wegen Erbsachen im Streit gelegen haben. Deshalb hätten die Schwestern mit Hilfe von gedungenen Mittelsmännern sich einander die Mühlen abbrennen lassen, 1857 die Niedermühle und 1863 die Böhmische Mühle. Während der Brand der Böhmischen Mühle bezeugt ist, gibt es über den Brand der Niedermühle keine zuverlässigen Nachrichten. Nach der Familienüberlieferung soll ein Mühlbursche versucht haben, am Giebel des Hauptgebäudes Feuer zu legen. Das Feuer griff aber nicht um sich, so dass kein großer Schaden entstand. Der Mühlbursche soll übrigens später seine Tat auch eingestanden haben. In den achtziger Jahren ließ die Besitzerin in die Mühle anstelle der Mahlmühle eine Holzschliffanlage einbauen. In den Hauslisten der Gemeinde Hinterhermsdorf werden die Namen von sechs Holzschleifern angeführt, die in jenen Jahren in der Niedermühle arbeiteten. Die Holzschleiferei wurde nur wenige Jahre betrieben und erwies sich offenbar als nicht so rentabel, wie man es sich erhofft hatte. Vermutlich war sie auch mit einigen technischen Mängeln behaftet. Die zur Anlage gehörende Turbine soll beispielsweise für eine doppelt so starke Wasserkraft als die tatsächlich vorhandene berechnet gewesen sein. Sie brachte später bei der Versteigerung auch nur 6000 Mark, obwohl sie mit 13 593 Mark geschätzt worden war. Durch den Kauf der entsprechenden Maschinen und Anlagen für die Holzschleiferei war die Mühle beim Tode der Amalie Dreßler so verschuldet, dass sich ihre Erben 1891 gezwungen sahen, zur Tilgung derselben den Besitz versteigern zu lassen. Bei der Versteigerung erwarb der Handelsmann Wilhelm Höhne aus Neugersdorf das Anwesen. Er wollte sich den Touristenverkehr nach der Oberen Schleuse zunutze machen und richtete daher im Grundstück einen Milch- und Kaffeeausschank ein. Aber auch ihm war das Glück nicht hold. Er geriet ebenfalls in finanzielle Schwierigkeiten und nahm sich in dieser verzweifelten Situation 1910 selbst das Leben. Man fand den Leichnam unter dem Mühlenwehr. Da seine Witwe mit den Kindern den Betrieb allein nicht weiterführen konnte, verkaufte siedle Niedermühle im folgenden Jahr an den Schuhmacher und Sohlenfabrikanten Friedrich Wilhelm Peschke, der sich als Heimatforscher und Mitbegründer eines Dorfmuseums in Hinterhermsdorf einen Namen gemacht hatte. Wegen seiner Teilnahme an der Niederschlagung des Boxeraufstandes in China hieß er unter den Dorfbewohnern zur Unterscheidung zu vielen anderen Dorfleuten mit dem gleichen Familiennamen «China-Peschke». Peschke erwarb die Mühle, weil seine Frau und seine Kinder direkte Nachkommen des Johann von Gottlob Puttrich waren und er den jahrhundertealten Familienbesitz erhalten wollte. Er ließ die Mahlmühle wieder einbauen. Sein Plan, in der Mühle eine Gaststätte einzurichten, scheiterte am Widerstand seiner Frau.

Die ungünstigen wirtschaftlichen Verhältnisse in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, familiäre Probleme und die Beseitigung der großen Schäden, die das Hochwasser der Kirnitzsch im Sommer 1927 anrichtete, ließen auch Friedrich Wilhelm Peschke auf keinen grünen Zweig kommen.Er musste die Mühle immer wieder mit geliehenen Geldern belasten. Schließlich war die Schuldenlast so hoch, dass er sich 1931 gezwungen sah, das überschuldete Anwesen seinem ältesten Sohn Gottfried Wilhelm Peschke zur Weiterführung zu übergeben. Die Mühle arbeitete jetzt nur noch als Sägewerk und warf gute Gewinne ab. Nachteilig für die weitere Entwicklung der Mühle war es, dass sie nicht an das elektrische Leitungsnetz angeschlossen worden war. Auch ein späteres Angebot zum Anschluss an das Stromnetz wurde aus Kurzsichtigkeit und mit dem Hinweis auf die Möglichkeit der Eigenversorgung abgelehnt. Der benötigte Strom wurde mittels Turbine selbst erzeugt. Der Antrieb der Schneidemühle erfolgte durch ein Wasserrad.

Eine willkommene Nebeneinnahme erzielten die Besitzer der Mühle von Zeit zu Zeit durch den Verkauf von Bachsand, den die Kirnitzsch am Wehr anschwemmte. Der Sand wurde fuhrenweise an Baubetriebe verkauft, die ihn für die Zubereitung von Mörtel verwendeten. Die Abgeschiedenheit der Mühle bot aber auch die Möglichkeit zu unerlaubtem Fischfang, zur Wilddieberei und zum heimlichen Schneiden von Brettern und Kanthölzern. In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg wohnte hier eine entfernte Verwandte der Müllerfamilie, die den Frauen und Mädchen des Dorfes auf Verlangen durch Kartenlegen die Zukunft voraussagte. Das wurde in dieser Zeit der Ängste und Unsicherheit rege genutzt.

Als im Mai/Juni 1945 und in den folgenden Monaten die großen Ausweisungen der deutschen Bevölkerung aus dem Sudetenland erfolgten, war die unmittelbar an der Grenze gelegene Niedermühle für viele Menschen der nächste Zufluchtsort. Damals sei, so erzählte die Schwester des letzten Besitzers, jeder Raum mit Menschen belegt gewesen. Als Nachtlager dienten ihnen Strohschütten, die man auf den Fußböden der Zimmer ausgebreitet hatte.

Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg fertigte die Niedermühle Holzleisten, die eine Sebnitzer Kartonagenfabrik zur Herstellung von Exportkisten für den Versand von Kunstblumen benötigte. Außerdem wurden Bretter und Kanthölzer hergestellt. Einige Arbeiter wohnten mit ihren Familien in der Mühle, unter ihnen auch der aus der Zimmermühle im benachbarten böhmischen Grenzort Hemmehübel stammende und von dort 1945 ausgewiesene Alfred Zimmer. 1969 stellte die Mühle ihre Arbeit ein. Damit begann der langsame Verfall der nicht mehr benutzten Gebäude. Die seit Jahrzehnten in Westdeutschland lebenden Erben des letzten Besitzers des Anwesens hatten unter den Bedingungen, die im geteilten Deutschland entstanden waren, keine Möglichlichkeit, etwas für die bauliche Erhaltung und weitere Nutzung der Gebäude und Anlagen zu tun. Als dies 1990bwieder möglich war, hatte sich die Familie von dem alten Familienbesitz entfremdet, dass an eine Rückkehr zu demselben nicht mehr zu denken war. Sie verkauften deshalb 1994 das Anwesen an einen Interessenten aus der Oberpfalz. Der neue Besitzer hatte die Absicht, die Gebäude wieder herrichten zu lassen. Er sah jedoch später von dem Vorhaben ab und trennte sich von dem Anwesen. Seitdem wechselte es noch zweimal seine Besitzer.

Die Mühlengebäude

Über die bauliche Beschaffenheit der Niedermühle ist aus früheren Jahrhunderten wenig bekannt. Mehrfach richteten starke Hochwasser der Kirnitzsch an den Mühlenwehranlagen und den Gebäuden großen Schaden an. So sollen am 6. August 1629 bei einem Hochwasser der Kirnitzsch alle Mahl- und Brettmühlen im Kirnitzschtal —die Mittelndorfer Mühle ausgenommen — «bis auf den Grund» weggerissen worden sein. Von weiteren Hochwassern aus den Jahren 1826, 1897 und 1927 berichtet Peschke. Vermutlich waren das Wohnhaus und die Mühlengebäude schlichte Holzbauten. Sie befanden sich, wie die 1724 und 1732 abgeschlossenen Pachtverträge zeigen, damals in einem schlechten baulichen Zustand.Auch der wenige vorhandene Hausrat, der den Pächtern zusammen mit den Gebäuden übergeben wurde, war verschlissen und erneuerungsbedürftig. Von der Wohnstube heißt es, dass sie baufällig sei und dass in ihren vier Fenstern zehn Scheiben fehlen. Der Ofen sei fast «nicht zu gebrauchen» und der in ihm zum Wärmen des Wassers befindliche «Ofen-Topff» schon geflickt. An Möbeln waren vorhanden: ein Lehnschemel, ein «böß» (das heißt defektes) «Töpf-Breth» (Tellerbord) und ein Tisch aus Ahornholz. Auch das Wasserrad zum Antrieb der Mahlmühle war schadhaft. Dagegen befand sich das Wasserrad der Brettmühle in einem guten Zustand.

 Nach Angaben in dem Brandversicherungskataster von 1787 bestand das Mühlenanwesen damals aus dem Wohnhaus, in das die Mahlmühle eingebaut war, der separat stehenden Schneidemühle und dem «Zuchtviehstall».

An den Stall wurde bald danach noch eine Scheune angebaut. Das gesamte Mühlenanwesen befand sich jedoch wenige Jahre später in einem so schlechten Zustand, dass es 1797 von der Erbengemeinschaft vorzeitig wegen Baufälligkeit an den Miterben Johann Gottlob Puttrich verkauft werden musste, damit, wie es im Kaufvertrag heißt, die Mühle vom jetzigen Käufer im Stande gehalten oder neu erbaut werden kann. Puttrich ließ offenbar nur das Wohnhaus neu erbauen. Götzinger, der in seiner zu Beginn des 19. Jahrhunderts verfassten Beschreibung der Sächsischen Schweiz auch die Niedermühle erwähnt, vermerkt als Besonderheit an ihr, dass deren Mühlhaus und Keller vor einigen Jahren ganz  in den Felsen gehauen und von deren Eingeweiden [das heißt von den dabei herausgehauenen Sandsteinquadern d.V.) das Wohngebäude erbaut ward.

Das am 8. April 1815 ausgebrochene Feuer vernichtete die Schneidemühle und das Stallgebäude. Am Wohnhaus erlitt nur der Giebel Brandschaden. Da die Niedermühle im Genuss der Waldgerechtsame war und dadurch freies Bauholz aus den landesherrlichen Waldungen erhielt, konnten die Gebäude noch im gleichen Jahr in den bisherigen Abmessungen wieder aufgebaut werden. Im Brandversicherungskataster von 1815 wurde der Wert des um 1800 neu erbauten Wohngebäudes mit der eingebauten Mahlmühle mit 200 Talern und der 1815 wieder errichteten Schneidemühle mit 50 Talern angegeben. Nach dem im Jahre 1857 aufgestellten Brandversicherungskataster für Hinterherrnsdorf gehörten sieben Gebäude zur Niedermühle, nämlich: 1. Das Wohn- und Mühlengebäude mit Backofen und und unterbautem Keller und angebautem Etagengange; 2. Das Stallgebäude mit Scheune, Wohnung und unterirdisch ausgebautem Keller; 3. Das Schweinestallgebäude mit Schuppen; 4. Das Schuppengebäude mit Futterräumen: 5. Das Scharfschmiedegebäude 6. Das Schuppengebäude und 7. Das Schneidemühlengebäude. Im Wohnhaus befanden sich die zwei Gänge der Mahlmühle. Der Versicherungswert aller genannten Baulichkeiten wurde mit 2275 Talern festgelegt. Leider enthielt die noch vorhandene, erst am Ende des 19. Jahrhunderts angelegte Bauakte der Niedermühle nur wenige Angaben über später vorgenommene bauliche Veränderungen. Aus ihr ist lediglich ersichtlich, dass in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts am Wohnhaus und am Schneidemühlengebäude einige Anbauten vorgenommen wurden. Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die heute vorhandenen Gebäude aus der ersten Hälfte beziehungsweise aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammen.

Landwirtschaftlicher Nebenerwerb

Die Besitzer der Niedermühle betrieben wie viele ihrer Berufskollegen neben ihrem Handwerk von jeher etwas Feldbau und Viehwirtschaft betrieben. Deshalb gehörten zur Mühle auch Felder und Wiesen, die größtenteils in unmittelbarer Nähe, mitunter aber auch einige Kilometer entfernt lagen und deshalb nur mit großem Zeitaufwand zu bewirtschaften waren. Fotos aus der Zeit um 1900 und aus der Mitte des 20. Jahrhunderts zeigen, dass die Mühle damals frei im Tale lag und die umliegenden Grundstücke für den Anbau von Getreide und Kartoffeln sowie als Obstgärten genutzt wurden, während heute der Wald an einigen Stellen bis an die Gebäude der Mühle heranreicht. Auf den Wiesen wurden zeitweise die zum Schneiden angefahrenen Rundhölzer und die fertige Schnittware in Stapeln gelagert.

Im Jahre 1724 wurden in der Mühle zwei Kühe und zwei Kälber gehalten. Bei Verkäufen oder Verpachtungen Vorbesitzer oder Verpächter der Mühle hatten die Vorbesitzer stets auch Anteil an dem landwirtschaftlichen Nebenerwerb. Ihnen wurde die Mitbenutzung von Stall und Scheune für die Unterbringung einer Kuh und des Heues sowie die Nutzung einiger Acker- und Wiesenflächen zugestanden. Außerdem bekamen sie im 18. Jahrhundert zwei Scheffel «Metze», das heißt zwei Scheffel von dein Mehl, das der Müller von seinen Kunden als Naturalentlohnung erhielt. Die Witwe Anna Dorothea Puttrich verlangte für sich 1767 als Ausgedinge unter anderem, dass bei dem «Netz-Getreide» ein Viertel Weizenmehl sein müsse. Von dem Weizenmehl wollte sie zu «jedem hohen Festtage» ein Achtel für die Herstellung des Festtagsgebäckes haben.

Der landwirtschaftliche Nebenerwerb diente in erster Linie der Selbstversorgung und garantierte, dass in der abgelegenen Mühle stets für die Müllerfamilie und das Gesinde wesentliche Grundnahrungsmittel (Fleisch und Fleischprodukte, Milch, Quark, Butter) zur Verfügung standen. Das für den Eigenbedarf benötigte Brot und für Fest- und Feiertage die Kuchen wurden bis etwa 1918 im Hausbackofen gebacken, der in das Mühlengebäude eingebaut war.

Wilhelm Leberecht Götzinger fand am Beginn des 19. Jahrhunderts die Gegend um die Böhmische Mühle und die Niedermühle sehr reizvoll: Die Abwechslungen der rohen starrenden Natur mit dem dichten Walde, den blumenreichen Wiesen, besonders mit dem kleinen zur Mühlen gehörigen von waldigen Berge herablaufenden die schönsten Früchte tragenden kleinen Stückchen Feld und dem niedlichen Küchengärtchen beschäftigen das Auge sehr anziehend, indessen der Gesang der Waldvögel, das Rauschen des Baches, das Klappern der Mühle, das Duften der balsamischen Gerüche der Bäume und der Zeithalde, das Sausen in den Waldgipfeln und die überall sich darbietenden Heidel-, Hink. UndErdbeeren den übrigen Sinnen die schönste Nahrung geben ...




Anmerkungen


  1.  Als Quellen für diesen Beitrag wurden die Akten des Sächsischen Landeshauptarchives Dresden, das Gemeindearchiv Hinterhermsdorf im Archiv des Landratsamtes Sächsische Schweiz, Außenstelle Sebnitz, und Materialien im Schnitzer Kunstblumen- und Heimatmuseum «Prof. Alfred Meiche» benutzt. Die Verfasser werteten ferner Aussagen von Lea und Elfriede Peschke sowie anderen betagten Gewährsleuten aus Hinterhermsdorf aus.
  2.  «Das Mühlenmännchen in der Niedermühle bei Hinterhermsdorf»: Ein habgieriger Besitzer de r Niedermühle hatte Zeit seines Lebens viel Geld zusammengerafft. Er vergrub es aus Angst vor Diebstahl in der Nähe der Mühle. Noch ehe er seinen Schatz wieder alle einhundert Jahre als Kobold und will einem mitleidigen Menschen mit den Worten «Drei Steene [Steine] rin, drei Steine nim! » locken, mit ihm zu kommen und den Schatz auszugraben. Die bisher so angesprochenen Mühlenbewohner wagten es aber nie, mitzugehen. Deshalb wurde der Kobold immer sehr böse und drohte, erst in hundert Jahren wiederzukommen. In den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entdeckte ein neugieriger Mühlenarbeiter auf der Suche nach dem Schatz unter einer schmalen Treppe, die zum Wäschebleichplatz führte, eine in den Stein gehauene Höhle. Sie war allerdings leer.  Aus Respekt vor dem Mühlenmännchen und um es nicht unnötig zu reizen, mußte der Mühlenarbeiter auf Anweisung meiner Großmutter, der das Männchen persönlich erschienen seinsoll, die Höhle wieder zuschütten.


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